Ein hölzerner Steg ragt in einen stillen See, über dem Morgennebel liegt

Trennung

8 Min. Lesezeit

Trennen oder bleiben? Wie Sie zu einer Entscheidung finden

Ob Sie sich trennen oder bleiben sollen, kann Ihnen kein Test sagen. Beschreiben lässt sich aber, wie eine solche Entscheidung entsteht und warum die Antwort an guten Tagen oft anders ausfällt als an schlechten.

Ob Sie sich trennen oder bleiben sollen, kann Ihnen kein Test und kein Ratgeber sagen, auch dieser nicht. Beschreiben lässt sich aber, wie eine solche Entscheidung entsteht und was sie so schwer macht. Wer schwankt, gibt an guten Tagen oft eine andere Antwort als an schlechten. Und manches lässt sich klären, bevor die große Frage beantwortet ist.

Kurz gefasst

  • Wer zwischen Trennen und Bleiben schwankt, hat meist Gründe für beides zugleich. In Befragungen kommt das häufig vor.

  • Bei Menschen, die schwanken, hängt die Neigung stark vom einzelnen Tag ab. Nach einem Streit zieht es eher zum Gehen, nach einem guten Abend eher zum Bleiben.

  • Ob jemand in einer Beziehung bleibt, hängt an mehr als an Liebe und Zufriedenheit. Auch das, was schon investiert ist, und der Blick auf das Leben danach spielen mit.

  • Eine Liste mit Für und Wider ordnet die Gründe. Aus dem Schwanken führt sie selten heraus.

  • Es gibt mehr als zwei Wege. Auch „vorerst so weiter“ und „eine Zeit lang ernsthaft versuchen, dann neu entscheiden“ sind Entscheidungen.

  • Wenn in der Beziehung Gewalt vorkommt, geht Ihre Sicherheit vor jeder Entscheidung.

Soll ich mich trennen?

Diese Frage kann niemand von außen für Sie beantworten, auch keine Therapeutin. An fehlenden Informationen liegt es dabei selten. Wer sie stellt, kennt meist die Gründe, die für die Beziehung sprechen, und die Gründe dagegen. Schwer wird die Entscheidung, weil beides stimmt und beides Gewicht hat.

Die Gedanken an dieser Stelle klingen oft ähnlich: „Soll ich mich trennen oder bleiben?“ „Ich liebe ihn, aber ich kann nicht mehr.“ „Ich will es später nicht bereuen.“ „Ich denke jeden Tag darüber nach und tue nichts.“ Oder: „Die Beziehung ist am Ende, aber keiner von uns macht Schluss.“ Das sind typische Gedanken, keine Zitate.

Die Psychologin Samantha Joel und ihr Team haben Menschen gefragt, was sie in einer Beziehung hält und was sie hinauszieht. Heraus kamen 27 Gründe fürs Bleiben, etwa emotionale Nähe und das gemeinsam Aufgebaute, und 23 Gründe fürs Gehen, etwa Streit und gebrochenes Vertrauen. Viele Befragte, die gerade über eine Trennung oder Scheidung nachdachten, nannten Gründe aus beiden Listen zugleich (Joel und Kollegen, 2018). Fachleute nennen dieses gleichzeitige Wollen und Nichtwollen Ambivalenz.

Dass Sie schwanken, ist also verbreitet, und ernst ist es trotzdem. Wer über Monate zwischen zwei Möglichkeiten schwankt, verbraucht viel Kraft. Darauf, dass sich die Frage irgendwann von selbst beantwortet, kann sich niemand verlassen.

Warum die Antwort jeden Tag anders ausfällt

Wer schwankt, neigt oft an jedem Tag ein wenig anders, je nachdem, was an diesem Tag passiert ist. Das zeigen zwei Tagebuchstudien mit Paaren aus Nordamerika: 54 Paare berichteten 15 Tage lang, 49 Ehepaare 14 Tage lang. Bei ambivalenten Menschen schwankte die Bindung an die Beziehung von Tag zu Tag stärker als bei anderen. An Tagen mit Streit dachten sie häufiger an eine Trennung, an Tagen mit freundlichen Momenten fühlten sie sich stärker gebunden (Joel und Kollegen, 2021).

Die Forschenden erklären das so: Wer hin- und hergerissen ist, sucht im Alltag nach Hinweisen, die die Frage beantworten könnten. Jeder Streit wirkt dann wie ein Beleg fürs Gehen, jeder gute Abend wie ein Beleg fürs Bleiben. Ein einzelner Tag ist aber keine Antwort, weder der schlechte noch der gute.

Soll ich mich trennen, obwohl ich ihn liebe?

Liebe allein beantwortet diese Frage nicht, in keine Richtung. Menschen bleiben in Beziehungen, in denen sie unglücklich sind. Andere denken über eine Trennung nach, obwohl sie ihr Gegenüber lieben. Eine Trennung trotz Liebe ist deshalb kein Widerspruch, und Bleiben ohne Zufriedenheit auch nicht. Beides wird verständlicher, wenn man sieht, wovon die Bindung an eine Beziehung abhängt.

Die Psychologin Caryl Rusbult hat dafür das sogenannte Investitionsmodell beschrieben. Eine Metaanalyse über 52 Studien mit 11.582 Teilnehmenden hat es geprüft (Le und Agnew, 2003). Drei Dinge hingen dort jeweils mit der Bindung an eine Beziehung zusammen: wie zufrieden jemand ist, wie viel er schon hineingesteckt hat und wie er die Möglichkeiten außerhalb der Beziehung einschätzt. Zusammen erklärten sie fast zwei Drittel der Unterschiede.

Hineingesteckt ist alles, was mit einer Trennung verloren ginge oder sich verändern würde: gemeinsame Jahre, eine Wohnung, Freundschaften, der Alltag mit Kindern.

Hilfreicher als „Liebe ich ihn noch?“ ist deshalb oft eine andere Frage: Was trägt bei mir gerade die Antwort? Ist es die Zufriedenheit mit dem, was zwischen uns ist? Sind es die gemeinsamen Jahre und das, was daran hängt? Oder ist es mein Blick darauf, wie ein Leben ohne diese Beziehung aussähe?

Keiner dieser Gründe ist besser oder schlechter als ein anderer. Zu sehen, welcher gerade überwiegt, zeigt Ihnen, worüber Sie eigentlich entscheiden.

Warum die Liste mit Für und Wider selten weiterhilft

Wer die Liste schon mehrmals geschrieben hat und danach so unentschieden war wie vorher, hat nichts falsch gemacht. Eine Übersichtsarbeit zur motivierenden Gesprächsführung kommt zu dem Ergebnis, dass das gleichmäßige Abwägen von Für und Wider Menschen, die schwanken, eher nicht aus dem Schwanken herausführt. Wer dagegen schon entschieden hat, findet in derselben Liste eher eine Bestätigung dafür (Miller und Rose, 2015).

Die Befunde stammen aus anderen Bereichen, etwa aus Studien zum Alkoholkonsum und zu persönlichen Zielen. Für Trennungsentscheidungen ist das nicht eigens untersucht. Einen Nutzen hat die Liste trotzdem: Sie sortiert, was ohnehin im Kopf ist, auch wenn sie die Entscheidung nicht trifft.

Wenn zuerst etwas anderes dran ist

In manchen Lagen ist die Frage nach Trennen oder Bleiben nicht die erste, die beantwortet werden muss.

Wenn in Ihrer Beziehung Gewalt vorkommt, körperlich oder seelisch, dann ist Paartherapie nicht der richtige Weg. Zuerst geht es um Ihre Sicherheit, auch bevor irgendetwas entschieden ist. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen berät rund um die Uhr unter 116 016, kostenfrei und in 18 Sprachen. Für Männer gibt es das Hilfetelefon Gewalt an Männern, montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr unter 0800 123 9900. Bei akuter Gefahr wählen Sie die 110.

Wächst Ihnen die Frage über den Kopf und Sie wissen nicht mehr weiter, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr für Sie da. Sie ist kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Manchmal kommt die Frage erst durch eine entdeckte Affäre auf. Warum die ersten Wochen danach ein schwieriger Zeitpunkt für diese Entscheidung sind, steht im Überblick zu Affären in der Beziehung.

Für alles Rechtliche an einer Trennung, also Sorgerecht, Unterhalt, Trennungsjahr und Scheidung, ist eine Fachanwältin oder ein Fachanwalt für Familienrecht zuständig. Welche Stelle bei einer Trennung wofür da ist, steht im Überblick Wer hilft bei einer Trennung?.

Trennung oder nicht: was beim Entscheiden hilft

Bei der Frage „Trennung oder nicht“ kann es weiterhelfen, sie von einer anderen Seite anzusehen. Vier Möglichkeiten dafür stehen hier. Keine davon schiebt die Antwort in eine Richtung.

Mehr als zwei Wege sehen

Die Frage nach Trennen oder Bleiben klingt, als gäbe es nur zwei Antworten. Der Familientherapeut William Doherty hat ein Beratungsformat für Paare beschrieben, bei denen eine Person eher gehen und die andere eher bleiben möchte. Am Ende steht einer von drei Wegen: so weitermachen wie bisher, sich trennen oder für eine vereinbarte Zeit in einer Paartherapie an der Beziehung arbeiten (Doherty und Harris, 2017). In dieser Zeit wird die Trennung nicht betrieben, danach entscheidet das Paar neu.

Auch „vorerst so weiter“ ist dabei eine Entscheidung, wenn sie bewusst fällt und nicht aus Erschöpfung.

Den Zeitpunkt wählen

Manche Menschen legen für sich fest, dass sie nach einem Streit nichts entscheiden und auch nicht nach einem besonders schönen Wochenende. STARK, ein Informationsangebot des Deutschen Jugendinstituts, gefördert vom Bundesfamilienministerium, beschreibt das so: Ein überhitzter Kopf braucht erst Abkühlung, bevor er eine Entscheidung gut durchdenken kann. Die Entscheidung laufe in aller Regel nicht weg (STARK, Gehen oder bleiben?).

Klären, was sich klären lässt

Einige Fragen lassen sich beantworten, bevor die große beantwortet ist. Was müsste anders sein, damit Bleiben für mich infrage kommt? Weiß mein Gegenüber davon, oder habe ich es nie ausgesprochen? Gibt es etwas, das für mich nicht verhandelbar ist, und ist es eingetreten? Wer diese Fragen für sich aufschreibt, kann merken, dass ein Teil der Unsicherheit an Dingen hängt, die noch nie gesagt wurden.

Sehen, ob Sie beide an derselben Stelle stehen

Oft schwanken nicht beide Partner:innen gleich stark. Eine Person hat innerlich schon einen Schritt nach draußen gemacht, die andere noch nicht. Was Sie tun können, wenn Sie an der Beziehung arbeiten möchten und Ihr Gegenüber nicht, steht im Beitrag Mein Partner will keine Paartherapie.

Wann eine Trennungsberatung helfen kann

Wenn Sie merken, dass sich die Frage seit Monaten im Kreis dreht, kann ein Gespräch mit einer dritten Person den Kreis unterbrechen. In der Trennungsberatung in Frankfurt geht es um genau diese Klarheit: ob Sie sich trennen oder der Beziehung noch eine Chance geben möchten. Und es geht darum, wie Sie zu einer Entscheidung kommen, hinter der Sie später stehen können. Sie können allein kommen oder zu zweit.

Ich stelle keine Diagnose. Ich entscheide nicht, ob Sie zusammenbleiben. Ich gebe keiner Seite recht.

Was ich tue: Ich helfe Ihnen, das Muster zwischen Ihnen zu verstehen und die Sicht des anderen nachzuvollziehen, damit die Entscheidung nicht aus dem letzten Streit heraus fällt. Falls Sie es beide noch einmal versuchen möchten, lesen Sie im Beitrag darüber, wann eine Paartherapie sinnvoll ist, was dafür spricht und was nicht.

Häufige Fragen

Ist es normal, ständig zwischen Trennen und Bleiben zu schwanken?

Ja, das kommt häufig vor. In Befragungen nannten viele Menschen, die über eine Trennung nachdachten, Gründe fürs Bleiben und fürs Gehen zugleich. Tagebuchstudien zeigen außerdem, dass die Neigung bei Menschen, die schwanken, mit dem Verlauf des Tages mitgeht: nach Streit eher Richtung Gehen, nach guten Momenten eher Richtung Bleiben. Das Schwanken ist anstrengend. Es spricht dafür, die Entscheidung nicht an einem einzelnen Tag festzumachen.

Wie lange darf ich mir für die Entscheidung Zeit lassen?

Eine Frist, die für alle gilt, gibt es nicht. Wichtiger als die Dauer ist, ob die Zeit etwas klärt. Wenn Sie in dieser Zeit beobachten, was sich über Wochen zeigt, und offene Fragen klären, ist sie genutzt. Wenn sich dagegen seit Monaten dieselben Gedanken drehen, ohne dass etwas Neues dazukommt, kann ein Gespräch mit einer dritten Person helfen. Bei Gewalt in der Beziehung geht es zuerst um Ihre Sicherheit.

Soll ich mich trotz Kind trennen?

Das kann Ihnen niemand von außen sagen, und die Kinder nehmen Ihnen die Entscheidung auch nicht ab. Sagen lässt sich aber, dass für Kinder zählt, wie die Eltern miteinander umgehen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020 über 169 Studien fand, dass häufige Auseinandersetzungen zwischen den Eltern mit Belastungen der Kinder zusammenhängen, ebenso Rückzug und Konflikte, die nicht konstruktiv ausgetragen werden. Wie Sie als Eltern miteinander umgehen, bleibt also bei beiden Wegen eine Frage.

Porträt von Nadin Billing

Nadin Billing

Psychologin (M.Sc.) und Paartherapeutin in Frankfurt am Main

Erkennen Sie sich wieder?

Ein erstes Telefonat dauert 15 Minuten und kostet nichts. Sie schildern kurz, worum es geht, und wir klären, ob eine Zusammenarbeit passt.