Eine türkisfarbene Keramikschale mit einer geflickten, goldfarbenen Bruchlinie steht auf einem Holztisch

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Vertrauen wieder aufbauen nach einer Enttäuschung

Eine Enttäuschung, die in jedem Streit wieder auftaucht, hängt oft an einem einzigen Moment. Ein Modell in acht Schritten zeigt, wie ein Paar über diesen Moment noch einmal anders sprechen kann.

Vertrauen wieder aufbauen nach einer Enttäuschung kann bedeuten, noch einmal über einen bestimmten Moment zu sprechen, und zwar anders als bisher. Die Psychologin Susan Johnson und ihre Kolleg:innen haben dafür einen Ablauf in acht Schritten beschrieben. Er stammt aus der Paartherapie. Seine Reihenfolge kann auch ein Gespräch zu Hause ordnen, wenn beide die Grenzen kennen.

Oft geht es um einen einzigen Moment, manchmal liegt er Jahre zurück. Der Abend, an dem der Anruf aus dem Krankenhaus kam und die andere Person trotzdem auf der Feier blieb. Ein Satz vor Freund:innen, der getroffen hat. Im Streit taucht dieser Moment wieder auf, und die Antworten sind jedes Mal dieselben: „Das ist doch Jahre her.“ Und: „Du warst nicht da, als ich dich gebraucht habe.“

Wie Vertrauen in einer Beziehung allgemein wieder wächst, steht auf der Themenseite Vertrauen wieder aufbauen.

Kurz gefasst

  • Eine emotionale Verletzung, die nicht verheilt, hängt oft an einem einzelnen Moment, in dem die andere Person gefehlt oder verletzt hat, als es darauf ankam.

  • Susan Johnson nennt das eine Bindungsverletzung. Mit Kolleg:innen hat sie beschrieben, in welchen acht Schritten Paare eine solche Verletzung in der Therapie auflösen.

  • Die Schritte wechseln sich ab. Die verletzte Person spricht, die andere antwortet. Am Ende steht die Bitte um das, was damals gefehlt hat, und eine Antwort darauf.

  • Untersucht ist das Modell in kleinen Studien und nur in der Therapie. Für ein Gespräch zu Hause gibt es keine Studien. Die Anleitung unten ist deshalb als Orientierung gedacht.

Wann Sie damit nicht anfangen sollten

Wenn in Ihrer Beziehung Gewalt vorkommt. Körperliche oder seelische Gewalt ist keine Enttäuschung, die sich in einem Gespräch auflösen lässt. Wer offen zeigt, was ihn verletzt, kann sich damit in Gefahr bringen, und dann ist Paartherapie nicht der richtige Weg. Zuerst geht es um Sicherheit. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen berät rund um die Uhr unter 116 016, kostenfrei und in 18 Sprachen. Das Hilfetelefon Gewalt an Männern erreichen Sie montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr unter 0800 123 9900. Bei akuter Gefahr: 110.

Wenn die Verletzung noch andauert. Das Vorgehen setzt voraus, dass das Ereignis vorbei ist. Wiederholt es sich, geht es zuerst darum, dass es aufhört. In einer Studie zu diesem Modell aus dem Jahr 2006 hatten sieben der neun Paare, bei denen sich die Verletzung nicht löste, mehr als ein verletzendes Ereignis erlebt.

Wenn es um eine Affäre geht. Dafür gibt es eine eigene Anleitung, wie Paare nach einem Vertrauensbruch wieder ins Gespräch kommen.

Wenn jedes Gespräch sofort eskaliert. In der Therapie beginnen die acht Schritte erst, wenn ein Paar aus dem Kreislauf von Angriff und Verteidigung herausgefunden hat. Vorher kommt man an die Verletzung nicht heran.

Wenn eine unbehandelte Suchterkrankung den Alltag bestimmt oder eine Person sich schon entschieden hat zu gehen. Dann führt dieses Gespräch nicht weiter. Die Telefonberatung zur Suchtvorbeugung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit nennt unter 0221 892031 Beratungsstellen vor Ort. Sie ist montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr erreichbar, freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Was ist eine emotionale Verletzung?

Eine emotionale Verletzung in der Beziehung entsteht, wenn eine Person allein gelassen oder enttäuscht wird, gerade als sie die andere gebraucht hat. Susan Johnson, Judy Makinen und John Millikin haben das 2001 als Bindungsverletzung beschrieben. Typisch ist, dass dieser eine Moment danach zum Maßstab wird: An ihm misst die verletzte Person, ob sie sich auf die andere verlassen kann.

Deshalb taucht ein Ereignis noch Jahre später im Streit auf. Gestritten wird dann scheinbar über den Abend von damals. Offen ist aber eine andere Frage: Bist du da, wenn es darauf ankommt?

Wie groß der Anlass von außen wirkt, sagt wenig darüber, wie tief er getroffen hat. In der Studie von 2006 waren unter den Anlässen Affären, aber auch eine Fehlgeburt, nach der sich eine Person allein gelassen fühlte, und eine einzelne kränkende Bemerkung. Die Autorinnen schreiben, dass solche scheinbar kleinen Verletzungen leicht übersehen werden, von den Paaren selbst und auch in der Therapie.

Damit sind Sie nicht der einzige Mensch, dem ein solcher Moment nicht aus dem Kopf geht. Ernst zu nehmen ist es trotzdem, denn solange die Frage offen bleibt, kommt der Moment wieder.

Woher das Vorgehen kommt und wie gut es belegt ist

Das Vorgehen heißt im Original Attachment Injury Resolution Model, auf Deutsch etwa: Modell zur Auflösung einer Bindungsverletzung. Es gehört zur emotionsfokussierten Paartherapie (EFT), die auf Leslie Greenberg und Susan Johnson zurückgeht.

Judy Makinen und Susan Johnson haben das Modell 2006 an 24 Paaren untersucht, die im Schnitt 13 Sitzungen hatten. Bei 15 Paaren löste sich die Verletzung. Diese Paare waren am Ende zufriedener mit ihrer Beziehung und konnten eher verzeihen als die übrigen neun. Eine Nachuntersuchung von zwölf Paaren fand die Verbesserungen auch drei Jahre später noch.

Das sind kleine Zahlen. Die Paare hatten sich auf eine Anzeige für kostenlose Paartherapie gemeldet. Die Autorinnen schreiben selbst, dass sich nicht zeigen lässt, ob die Schritte die Ursache der Veränderung sind.

Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2026 über 40 Studien kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass derzeit kein Modell der Paartherapie eine starke Beleglage hat. Die emotionsfokussierte Paartherapie gehört zu den sieben Ansätzen mit mäßiger Unterstützung. Der Hauptgrund sind kleine Studien.

Ohne therapeutische Begleitung ist das Modell nicht untersucht. Zu Hause kann es eine Reihenfolge vorgeben, und die zeigt, warum ein Gespräch oft an derselben Stelle hängen bleibt.

Wie baut man Vertrauen nach einer Enttäuschung wieder auf?

Vertrauen kann nach einer Enttäuschung wieder wachsen, wenn die verletzte Person sagen kann, was der Moment für sie bedeutet hat. Dazu gehört, dass die andere Person mit Verantwortung und Anteilnahme antwortet. Das Modell beschreibt dafür acht Schritte. Sie lassen sich in vier Runden mit je zwei Schritten gliedern.

Gehen Sie erst zur nächsten Runde, wenn die vorige für Sie beide abgeschlossen ist. Zur Vorbereitung wählen Sie zusammen einen einzigen Moment aus, nicht „immer“ und nicht „seit Jahren“. Planen Sie mehrere Gespräche ein, jedes höchstens eine Stunde lang. Ein Gespräch geht nur so weit, wie es trägt.

1. Den Moment benennen (Schritt 1 und 2)

Die verletzte Person beschreibt, was damals passiert ist: „Ich möchte über den Abend sprechen, an dem ich dich aus dem Krankenhaus angerufen habe und du nicht gekommen bist.“

Im Modell ist ausdrücklich vorgesehen, dass die andere Person zuerst abwehrt, bestreitet oder kleinredet, etwa mit „Ich wusste doch nicht, wie ernst es war.“ Das ist ein erwartbarer Anfang und noch kein Scheitern.

2. Sagen, was der Moment bedeutet hat (Schritt 3 und 4)

Die verletzte Person bleibt bei dem Ereignis. Sie sagt, was es für die Beziehung bedeutet hat: „Seitdem weiß ich nicht, ob ich mich auf dich verlassen kann, wenn es ernst wird.“

Die andere Person versucht, genau das zu verstehen, und sagt es in eigenen Worten zurück: „Es geht dir um mehr als diesen Abend. Seitdem fragst du dich, ob ich da bin, wenn du mich brauchst.“ Wie dieses Zurückgeben ohne Rechtfertigung gelingt, beschreibt der Beitrag Zuhören, ohne sich zu verteidigen.

3. Verletzlichkeit zeigen und Verantwortung übernehmen (Schritt 5 und 6)

Hier wird das Gespräch leiser. Die verletzte Person spricht über die Angst oder die Trauer unter dem Ärger: „Ich hatte Angst, und ich war allein damit. Daran denke ich bis heute.“

Die andere Person übernimmt Verantwortung für ihren Teil und sagt, dass es ihr leidtut, ohne ein „aber“ dahinter: „Ich bin nicht gekommen. Das war meine Entscheidung, und es tut mir leid, dass du das allein durchstehen musstest.“

4. Um das bitten, was damals gefehlt hat (Schritt 7 und 8)

Die verletzte Person bittet um die Zuwendung, die damals gefehlt hat. Das kann etwas für jetzt sein oder für das nächste Mal. Zum Beispiel: „Wenn so etwas wieder passiert, möchte ich, dass du kommst, auch wenn ich am Telefon sage, es geht schon.“

Die andere Person antwortet darauf zugewandt und konkret. Im Modell ist diese Antwort das Gegenstück zu dem Moment von damals.

Wann Sie ein Gespräch beenden

Wenn Sie merken, dass Sie wieder bei Vorwurf und Rechtfertigung angekommen sind, also wieder in der ersten Runde, beenden Sie das Gespräch für diesen Tag. Legen Sie fest, wann Sie weitersprechen. Beim nächsten Mal fangen Sie bei der Runde an, die zuletzt getragen hat.

Warum die leisen Sätze mehr bewegen

Was in der dritten Runde passiert, zeigt sich auch in den Daten. In der Studie von 2006 unterschieden sich die Paare, bei denen sich die Verletzung löste, genau darin: Sie sprachen mehr über ihr eigenes Erleben und reagierten zugewandter aufeinander. Andere Forschung passt dazu.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2012 mit mehreren Teilstudien fand: Gezeigte Kränkung hing damit zusammen, dass das Gegenüber mit Schuldgefühl, Einfühlung und Entgegenkommen reagierte. Gezeigte Wut hing eher damit zusammen, dass Wut zurückkam. Wut ist nach einer Enttäuschung verständlich und darf im Gespräch vorkommen. Nach diesem Befund erreicht die Verletzlichkeit darunter die andere Person aber eher.

Auch für die andere Seite gibt es Hinweise. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2010 über 175 Studien fand mehrere Umstände, die mit Verzeihen zusammenhängen. Dazu gehören eine Entschuldigung, Einfühlung und die Frage, ob eine Verletzung als absichtlich erlebt wird.

Wenn es zu zweit nicht weitergeht

Manche Verletzungen lassen sich mit dieser Reihenfolge zu zweit bewegen. Es gibt aber Lagen, in denen das nicht reicht: Eine Person ist emotional verletzt, und jedes Gespräch endet wieder in der ersten Runde. Oder die andere Person redet die Verletzung über viele Gespräche hinweg klein.

Dann stecken beide mitten im Gespräch und können es kaum gleichzeitig führen und halten.

In der Paartherapie in Frankfurt sehen wir uns gemeinsam an, was seit diesem Moment zwischen Ihnen passiert, und führen das schwierige Gespräch zu dritt. Ob Sie danach zusammenbleiben, entscheiden Sie.

Wenn Ihnen gerade alles zu viel wird: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Bei akuter Gefahr wählen Sie die 112.

Häufige Fragen

Warum kommt eine alte Verletzung in jedem Streit wieder hoch?

Eine alte Verletzung kommt oft wieder, weil die Frage dahinter nie beantwortet wurde: Kann ich mich auf dich verlassen? Susan Johnson und ihre Kolleg:innen beschreiben, dass ein solcher Moment zum Maßstab dafür wird, wie verlässlich die andere Person ist. Jeder neue Streit, der daran rührt, holt ihn zurück. Solange diese Frage offen ist, bleibt der Moment ein Thema.

Reicht eine Entschuldigung, um Vertrauen wieder aufzubauen?

Eine Entschuldigung gehört dazu, allein reicht sie nicht immer. In der Forschung zum Verzeihen hängt sie deutlich damit zusammen, ob jemand verzeihen kann, ebenso wie Einfühlung. Im Modell von Susan Johnson kommt die Entschuldigung erst im sechsten von acht Schritten. Vorher soll die andere Person verstanden haben, was der Moment bedeutet hat. Kommt sie zu früh, bleibt genau das offen.

Was, wenn mein Partner die Verletzung kleinredet?

Im Modell von Susan Johnson ist das der zweite Schritt: Die Person, die verletzt hat, wehrt zuerst ab, bestreitet oder relativiert. Das ist ein erwartbarer Anfang. Es hilft, beim Ereignis zu bleiben und zu sagen, was es bedeutet hat, statt die Vorwürfe zu steigern. Bleibt es über viele Gespräche beim Kleinreden, ist das ein Punkt für ein Gespräch mit einer dritten Person.

Kann ich das Gespräch anfangen, wenn ich selbst verletzt habe?

Ja, und für die verletzte Person kann das ein Zeichen sein, dass Sie das Thema ernst nehmen. Ein möglicher Satz: „Ich weiß, dass der Abend damals zwischen uns steht. Ich möchte hören, was er für dich bedeutet hat, wenn du bereit bist.“ Auf den letzten Halbsatz kommt es an. Ob und wann das Gespräch stattfindet, entscheidet die Person, die verletzt wurde.

Porträt von Nadin Billing

Nadin Billing

Psychologin (M.Sc.) und Paartherapeutin in Frankfurt am Main

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