Zuhören heißt in einem schwierigen Gespräch vor allem eins: nicht richtigstellen. Der Impuls, eine falsche Darstellung sofort zu korrigieren, ist der häufigste Grund, warum solche Gespräche kippen. Dieser Impuls lässt sich mit einer Absprache aushebeln, die etwa zehn Minuten dauert und die Sie allein einhalten können.
Kurz gefasst
Für die Zuhörrolle gibt es ein festes Format aus der Paarforschung. Einer spricht, einer hört zu, die Rollen sind vorher vergeben, und der Zuhörende fasst zusammen, bevor er antwortet.
Das Format ist bekannter, als sein Nutzen groß ist. Zwei Untersuchungen dazu fielen ernüchternd aus, und Beziehungstrainings insgesamt zeigen in der Forschung nur kleine Effekte.
Gut belegt ist dagegen etwas anderes: Ob ein Konflikt einer Beziehung schadet, hängt stark davon ab, ob sich die andere Person dabei verstanden fühlt. Genau dafür ist das Format ein Gerüst. Es ist nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin, und wenn es sich nach ein paar Wochen von selbst auflöst, war es trotzdem nützlich.
Wann Sie das nicht anwenden sollten
Dieses Format setzt voraus, dass beide nach dem Gespräch sicher sind. In vier Lagen gilt das nicht.
Wenn in Ihrer Beziehung Gewalt vorkommt. Schläge, Drohungen, Einschüchterung oder Kontrolle sind kein Kommunikationsproblem, und sie lassen sich nicht wegreden. Ein Format, das eine Person auffordert, offen zu sagen, was sie belastet, kann für sie gefährlich werden, weil das Gesagte danach Folgen hat. Hier geht Schutz vor. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen berät rund um die Uhr unter 116 016, kostenfrei und in 18 Sprachen. Das Hilfetelefon Gewalt an Männern erreichen Sie montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr unter 0800 123 9900. Bei akuter Gefahr wählen Sie 110.
Wenn Sie vorher abwägen, wie Ihr Gegenüber reagieren könnte. Wer im Kopf durchgeht, was ein Satz auslösen wird, führt kein Gespräch, sondern rechnet mit einer Reaktion. Das ist ein anderes Thema als Zuhören.
Wenn eine unbehandelte Suchterkrankung den Abend bestimmt. Unter Alkohol oder anderen Substanzen führt kein Gesprächsformat zu etwas. Die Telefonberatung zu Sucht und Drogen vermittelt an Beratungsstellen vor Ort, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, unter 0221 892031.
Wenn eine Person sich innerlich bereits entschieden hat zu gehen. Dann wird das Gespräch zu einer Prüfung, die die andere Person nicht bestehen kann, und das merken beide.
Was ist die Sprecher-Zuhörer-Technik?
Die Sprecher-Zuhörer-Technik ist ein festes Gesprächsformat für Paare. Solange eine Person spricht, gibt die andere zuerst wieder, was sie gehört hat, und antwortet erst danach. Dann werden die Rollen getauscht. Die Technik stammt aus dem Prevention and Relationship Enhancement Program, das Howard Markman, Scott Stanley und Susan Blumberg in den 1990er-Jahren beschrieben haben.
Dann kommt die andere Hälfte. Eine Untersuchung an Paaren, die ein solches Programm durchlaufen hatten, fand sechs Monate später keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der sie die Technik anwendeten, und ihrer Zufriedenheit (Carlson und Kollegen, 2014). Eine experimentelle Studie mit 30 Paaren fand, dass die Technik die Negativität im Gespräch senkte, das Positive aber nicht erhöhte, und dass sich die Paare ausgesprochen schlecht daran hielten (Cornelius und Alessi, 2007).
Auch das größere Bild ist nüchtern. Eine Metaanalyse über 48 unabhängige Studien zu Beziehungstrainings bei Paaren mit geringem Einkommen fand einen kleinen, aber verlässlichen Effekt von d = 0,10, der sich ungefähr verdoppelte, wenn mehr als die Hälfte der Termine besucht wurde (Arnold und Beelmann, 2018). Das ist kein Nichts. Es ist nur deutlich weniger, als die Verbreitung solcher Techniken vermuten lässt.
Wie wichtig ist es, sich verstanden zu fühlen?
Ob sich jemand im Streit verstanden fühlt, ist für die Beziehung sehr wichtig, und das lässt sich gut zeigen. Eine Arbeitsgruppe hat diese Frage in sieben Studien untersucht, quer durch Fragebogen, Experiment, Alltagstagebuch und Laborgespräche von Paaren (Gordon und Chen, 2016). Das Ergebnis: Häufiger Konflikt hing mit geringerer Zufriedenheit zusammen, aber nur bei den Menschen, die ihr Gegenüber als wenig verstehend erlebten. Bei denen, die sich verstanden fühlten, war dieser Zusammenhang nicht zu finden.
Das ist eine Reihe von Zusammenhängen und kein Beweis für eine Ursache. Trotzdem verschiebt der Befund den Blick auf das, was Sie gleich lesen werden. Sie üben keine Technik, damit Sie sie gut können. Sie üben sie, damit Ihr Gegenüber nach dem Gespräch sagen kann: Du hast verstanden, worum es mir geht. Ob Sie dabei wortwörtlich die Schritte einhalten, spielt keine Rolle.
Die Anleitung: zehn Minuten, eine Rolle
Nehmen Sie sich einen Abend, an dem nichts anderes ansteht. Die Anleitung beschreibt nur Ihren Teil, also die Zuhörseite. Ihr Gegenüber muss die Schritte nicht kennen und nichts davon können.
Schritt 1: Sagen Sie vorher, was Sie vorhaben. Ohne Ankündigung wirkt das Ganze seltsam. Mit Ankündigung ist es eine Absprache. Ein Satz reicht: „Ich würde gern zehn Minuten nur zuhören, ohne dazwischenzugehen. Danach sage ich, was ich verstanden habe, und dann erst antworte ich.“
Schritt 2: Hören Sie zu, ohne etwas richtigzustellen. Das ist der ganze schwierige Teil. Wenn ein Datum falsch ist, wenn eine Begebenheit anders war, wenn Ihnen etwas zugeschrieben wird, das Sie nie gesagt haben: Sie lassen es stehen. Nicht weil es egal wäre, sondern weil eine Korrektur das Gespräch sofort auf die Sachebene zieht, und dort ist der Punkt nicht. Ihre Version kommt später dran, im zweiten Durchgang.
Schritt 3: Fassen Sie zusammen und fragen Sie nach, ob es stimmt. Kein Nachplappern, sondern in Ihren eigenen Worten. Und danach die Frage, die den Unterschied macht: „Stimmt das so, oder habe ich etwas Wichtiges weggelassen?“
So klingt das, wenn es gelingt: „Wenn ich es richtig habe, ärgert dich weniger der Abend selbst, sondern dass du davon erst zwei Tage vorher erfahren hast. Stimmt das so?“
Schritt 4: Tauschen Sie die Rollen, statt zu antworten. Nach der Zusammenfassung kommt nicht Ihre Erwiderung, sondern der Wechsel. Jetzt sprechen Sie, und Ihr Gegenüber hört zu und fasst zusammen. Wenn Sie direkt antworten, sind Sie wieder in dem Gespräch, das Sie kennen.
Die Stelle, an der es meistens scheitert
Es scheitert fast nie an Schritt 3, sondern an Schritt 2, und zwar ungefähr in der zweiten Minute. Sie merken, dass Sie innerlich schon formulieren. Ab da hören Sie nicht mehr zu, sondern warten.
Dafür gibt es eine einfache Regel: Wenn Sie merken, dass Sie innerlich antworten, sagen Sie es und halten Sie an. „Ich merke, ich bin gerade beim Widersprechen statt beim Zuhören. Ich brauche einen Moment.“ Das klingt umständlich und ist trotzdem besser, als weiter so zu tun.
Wenn Ihre Zusammenfassung auf ein Nein trifft, ist das kein Misserfolg, sondern der eigentliche Nutzen. Sie haben in diesem Moment erfahren, dass Sie etwas anderes verstanden haben, als gemeint war. Genau dafür ist die Prüffrage da.
Was Sie davon erwarten können
Erwarten Sie, dass weniger eskaliert. Die beste Belegstelle dafür ist ausgerechnet die kritische Studie: weniger Negatives im Gespräch, nicht automatisch mehr Positives. Ein Streit, der nicht kippt, ist noch keine Nähe. Er ist die Voraussetzung dafür.
Erwarten Sie, dass es sich beim ersten Mal künstlich anfühlt. Das ist kein Zeichen dafür, dass es falsch ist. Die Paare in der experimentellen Studie hielten sich schlecht an die Vorgaben, und das ist der normale Verlauf: Die Form schleift sich ab, und was bleibt, ist die Gewohnheit, vor dem Antworten nachzufragen.
Erwarten Sie nicht, dass sich dadurch eine Sachfrage klärt. Wenn Sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie viel Zeit die Arbeit bekommen darf oder wie Sie Ihr Geld ausgeben, ändert keine Gesprächsform etwas daran. Sie sorgt dafür, dass Sie über die Sache sprechen können, statt über den Ton.
Wenn es auch damit nicht geht
Manche Gespräche laufen seit Jahren nach demselben Muster, und dieses Muster hält sich nicht an Absprachen. Wer mittendrin sitzt, sieht es nicht, und das hat nichts mit Mühe oder gutem Willen zu tun.
Wenn Sie merken, dass Sie es mehrmals versucht haben und jedes Mal an derselben Stelle landen, ist das der Punkt, an dem eine dritte Person nützt. In der Paartherapie in Frankfurt sehen wir uns gemeinsam an, wie Ihre Gespräche ablaufen und an welcher Stelle sie kippen. Dass Sie es allein versucht haben, ist dabei kein Nachteil. Es ist eine Information, die wir sonst erst mühsam zusammentragen müssten.
Wer an der anderen Hälfte desselben Gesprächs ansetzen möchte, findet die Sprecherseite in dem Beitrag darüber, wie ein Streitgespräch anders anfängt. Und was Paare sonst noch allein hinbekommen, steht in der Übersicht zu Paartherapie-Übungen für zu Hause.
Häufige Fragen
Funktioniert das auch, wenn nur eine Person mitmacht?
Die Zuhörrolle liegt allein bei der Person, die gerade zuhört. Insofern können Sie damit anfangen, ohne dass jemand zustimmt oder die Schritte kennt. Was Sie nicht allein bestimmen können, ist der Verlauf des Gesprächs danach. Wenn Ihr Gegenüber nicht darauf einsteigt, liegt das nicht daran, dass Sie es falsch gemacht haben.
Was mache ich, wenn etwas gesagt wird, das einfach nicht stimmt?
Sie lassen es zunächst stehen. Das ist der schwierigste Teil und gleichzeitig der wichtigste. Eine Korrektur zieht das Gespräch sofort auf die Frage, wer recht hat, und die ist in diesem Moment nicht die Frage. Ihre eigene Sicht kommt im zweiten Durchgang dran, wenn Sie sprechen und Ihr Gegenüber zuhört.
Klingt eine solche Zusammenfassung nicht einstudiert?
Beim ersten Mal ja, und das ist harmlos. In der Forschung dazu fiel auf, dass Paare sich ohnehin schlecht an die genaue Form halten. Was übrig bleibt, ist meistens nicht die Technik, sondern die Gewohnheit, vor dem Antworten kurz nachzufragen, ob man richtig verstanden hat. Genau darauf kommt es an.

Erkennen Sie sich wieder?
Ein erstes Telefonat dauert 15 Minuten und kostet nichts. Sie schildern kurz, worum es geht, und wir klären, ob eine Zusammenarbeit passt.

