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Methoden

5 Min. Lesezeit

Wie ein Streitgespräch anders anfängt

Die ersten Sätze entscheiden mit, wie ein Streit verläuft. Eine Anleitung mit Beispielsätzen, ihren Grenzen und dem, was die Forschung belegt.

Wie ein Gespräch ausgeht, hängt auch davon ab, wie es anfängt. Wer mit einem Vorwurf beginnt, bekommt eine Verteidigung, und ab da geht es nicht mehr um das Thema, sondern um die Abwehr. Sie können das ändern, ohne dass Ihr Gegenüber mitmacht, weil der erste Satz allein bei Ihnen liegt.

Kurz gefasst

Es gibt eine überschaubare Anleitung dafür, ein schwieriges Thema so anzusprechen, dass es nicht sofort kippt. Sie besteht aus vier Schritten und einer Abbruchregel, und sie braucht etwa zwei Minuten Vorbereitung.

Sie ist kein Trick und kein Garant. Sie verschiebt die Wahrscheinlichkeit, mehr nicht. An manchen Abenden funktioniert sie nicht, und das liegt dann nicht daran, dass Sie es falsch gemacht haben.

Zuerst: wann Sie das nicht anwenden sollten

Diese Anleitung ist für Paare gedacht, die sich streiten und dabei beide sicher sind. Sie ist nicht geeignet, wenn eine dieser Lagen zutrifft.

Wenn in Ihrer Beziehung Gewalt vorkommt. Körperliche Übergriffe, Drohungen oder Einschüchterung sind kein Kommunikationsproblem. Ein gut vorbereitetes Gespräch kann die Lage für die betroffene Person gefährlicher machen, weil zu Hause weitergeht, was gesagt wurde. Hier geht Schutz vor. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist rund um die Uhr unter 116 016 erreichbar, das Hilfetelefon Gewalt an Männern unter 0800 123 9900. Bei akuter Gefahr wählen Sie 110.

Wenn Sie Angst vor der Reaktion haben. Wer vorher abwägt, wie gefährlich ein Satz werden könnte, ist nicht in einem Streit, sondern in etwas anderem.

Wenn eine unbehandelte Suchterkrankung den Abend bestimmt. Gespräche mit einer Person unter Alkohol- oder Substanzeinfluss führen zu nichts. Die Telefonberatung zu Sucht und Drogen vermittelt an Beratungsstellen vor Ort, unter 0221 892031.

Woher die Idee kommt, und wie belastbar sie ist

Der Psychologe John Gottman hat in den 1990er-Jahren Paargespräche im Labor beobachtet und beschrieben, dass sich aus den ersten Minuten einer Auseinandersetzung erstaunlich viel über ihren Verlauf ablesen lässt. Seine Arbeitsgruppe berichtete 1998 aus einer Untersuchung mit 130 frisch verheirateten Paaren, dass bestimmte Eröffnungsmuster mit dem weiteren Verlauf der Beziehung zusammenhingen (Gottman und Kollegen, 1998).

Dazu gehört die andere Hälfte. Eine spätere Untersuchung mit 85 Paaren aus einer Gemeindestichprobe konnte die zentralen Befunde nicht bestätigen (Kim und Kollegen, 2007). Die Vorhersagekraft der ursprünglichen Modelle ist damit deutlich unsicherer, als die weite Verbreitung dieser Ideen vermuten lässt.

Was bleibt, ist kein Naturgesetz, sondern eine brauchbare Beobachtung: Ein Gespräch, das mit einem Vorwurf beginnt, bringt das Gegenüber in eine Abwehrhaltung, und aus der Abwehr heraus hört niemand gut zu. Diesen Zusammenhang können Sie an Ihren eigenen Gesprächen überprüfen, und genau das ist der ehrlichste Umgang damit.

Wie fange ich ein Gespräch ohne Streit an?

Ein Gespräch fängt eher ohne Streit an, wenn Sie den Zeitpunkt absprechen und mit einer Beobachtung beginnen statt mit einem Vorwurf. Danach sagen Sie, was das mit Ihnen macht, und schließen mit einer konkreten Bitte. Planen Sie dafür zwei Minuten Vorbereitung ein und schreiben Sie die Sätze beim ersten Mal ruhig auf.

Schritt 1: Wählen Sie den Zeitpunkt, statt ihn sich aufdrängen zu lassen. Nicht zwischen Tür und Angel, nicht direkt nach der Arbeit, nicht um halb zwölf nachts. Fragen Sie vorher nach: „Ich würde gern etwas mit dir besprechen. Passt es dir heute nach dem Essen, oder ist morgen besser?“

Schritt 2: Beginnen Sie mit einer Beobachtung, nicht mit einer Bewertung. Eine Beobachtung ist etwas, das eine Kamera aufgezeichnet hätte. Eine Bewertung ist eine Deutung.

Statt: „Dir ist es völlig egal, wie es mir geht.“ Besser: „Gestern Abend, als ich vom Arzt zurückkam, hast du nicht gefragt, wie es war.“

Schritt 3: Sagen Sie, was das mit Ihnen macht, nicht was Ihr Gegenüber ist. Der Unterschied liegt im ersten Wort. Sätze, die mit „Du“ beginnen, werden als Urteil gehört, Sätze mit „Ich“ als Mitteilung.

Statt: „Du bist so unaufmerksam.“ Besser: „Ich habe mich damit allein gefühlt.“

Schritt 4: Formulieren Sie eine konkrete Bitte, keine allgemeine Forderung. Eine Bitte ist etwas, das jemand morgen tun kann. „Mehr Aufmerksamkeit“ ist keine Bitte, sondern eine Haltungsnote.

Statt: „Ich will einfach, dass du dich mehr für mich interessierst.“ Besser: „Ich würde mir wünschen, dass du mich fragst, wie so ein Termin war. Auch wenn es nur zwei Sätze sind.“

Die Abbruchregel

Legen Sie vorher fest, was passiert, wenn es doch kippt. Das ist der Teil, den die meisten weglassen, und er ist der wichtigste.

Vereinbaren Sie ein Wort oder einen Satz, mit dem jeder von Ihnen das Gespräch unterbrechen kann, ohne dass es als Rückzug gilt. Zum Beispiel: „Ich möchte weiterreden, aber ich brauche zwanzig Minuten.“

Dabei gehören zwei Dinge zusammen. Wer unterbricht, nennt eine Zeit und kommt dann tatsächlich zurück. Eine Pause ohne Rückkehr ist keine Pause, sondern ein Abbruch, und das nächste Mal wird die Pause misstrauisch beäugt.

Zwanzig Minuten sind kein Zufallswert, sondern eine Faustregel aus der Praxis: Es dauert eine Weile, bis Anspannung nachlässt, und vorher hört niemand gut zu.

Was bringt ein anderer Gesprächsanfang bei Kommunikationsproblemen?

Bei Kommunikationsproblemen in der Beziehung ist realistisch, dass Gespräche seltener sofort eskalieren und dass Sie öfter beim Thema bleiben. Ein Muster, das seit Jahren läuft, lösen vier Sätze aber nicht auf.

Erwarten Sie nicht, dass Ihr Gegenüber mitzieht, nur weil Sie es anders machen. Manchmal dauert das. Manchmal passiert es nicht.

Und erwarten Sie nicht, dass ein anderer Einstieg einen echten Konflikt löst. Wenn Sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie Sie leben wollen, ändert kein Satzbau daran etwas. Die Anleitung sorgt dafür, dass Sie über den Konflikt sprechen können, statt über den Ton.

Wenn es auch damit nicht geht

Es gibt Muster, die sich von innen nicht anhalten lassen. Wer sie seit Jahren fährt, sieht sie nicht mehr, weil er mittendrin sitzt. Das ist keine Frage von Mühe oder gutem Willen.

Wenn Sie merken, dass Sie das dritte Mal an derselben Stelle scheitern, ist das der Punkt, an dem eine dritte Person nützt. In der Paartherapie in Frankfurt schauen wir uns gemeinsam an, wie Ihre Gespräche ablaufen und an welcher Stelle sie kippen. Dass Sie es allein versucht haben, ist dabei kein Nachteil, sondern eine nützliche Information.

Mehr dazu, wann sich der Schritt lohnt, steht in dem Beitrag darüber, wann eine Paartherapie sinnvoll ist und wann nicht.

Häufige Fragen

Funktioniert das auch, wenn nur einer es macht?

Der Einstieg liegt bei der Person, die das Thema anspricht. Insofern ja. Ob das Gespräch dann gut verläuft, hängt von beiden ab.

Klingt das nicht einstudiert?

Beim ersten Mal ja. Das ist normal und meistens harmlos, weil der Inhalt trotzdem ankommt. Nach ein paar Wochen verschwindet das Künstliche, weil sich die Formulierungen in die eigene Sprache einschleifen.

Was mache ich, wenn mein Gegenüber trotzdem angreift?

Die Abbruchregel benutzen. Nicht nachsetzen, nicht rechtfertigen, keine zweite Runde am selben Abend. Wer im angespannten Zustand weiterredet, verschlechtert die Lage zuverlässig.

Porträt von Nadin Billing

Nadin Billing

Psychologin (M.Sc.) und Paartherapeutin in Frankfurt am Main

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Ein erstes Telefonat dauert 15 Minuten und kostet nichts. Sie schildern kurz, worum es geht, und wir klären, ob eine Zusammenarbeit passt.